“GESTATTEN,ICH BIN MOHAMMAD - IHR NEUER MEISTER”

INTERVIEW MIT MOHAMMAD AUS SYRIEN

(Aufgrund der teilweise vorhandenen Sprachbarriere wurden Satzbau und Wortwahl vom Autor gelegentlich angepasst)

Mohamad A. ist Ende 2015 in Eigenregie und nur mit Hilfe von “Google-Maps” von Damaskus (Syrien) nach Deutschland geflohen. Seit drei Jahren lebt der nun 22-jährige Syrer mit seinem jüngeren Bruder in Hagen (NRW) und kann auf eine aufregende Fluchtgeschichte- aber auch spannende Zeit nach seiner Ankunft in Deutschland zurückblicken.

Mohamad im Bildungszentrum der Südwestfälischen Industrie- und Handelskammer zu Hagen

Lieber Mohamad, im August 2015 bist Du nach Deiner mehrwöchigen Flucht aus Syrien in Deutschland angekommen. Kannst Du uns erklären, woher Deine Fluchtroute Dich führte und wie die Flucht ablief?

Mohamad: “Sehr gerne- allerdings werde ich nicht ins Detail gehen können- das würde den Zeitrahmen sprengen. Als wir merkten, dass die Kriegssituation in Syrien schlimmer wurde, entschied ich mich gemeinsam mit zwei Nachbarn, unser Heimatland zu verlassen und erst einmal in eines der angrenzenden Länder -in unserem Fall die Türkei- zu fliegen. Da ich der älteste Sohn der Familie bin, trage ich die Verantwortung für meine Familie. Mein Ziel war es also, in einem anderen Land eine Existenz erfolgreich aufzubauen, von welcher meine Familie in Syrien zusätzlich profitiert- bzw. die Möglichkeit zu schaffen, alle Familienmitglieder aus den syrischen Kriegsverhältnissen zu “retten” und eine Perspektive in Deutschland zu bieten.

Aber nun zu meiner Flucht: Der Flug aus Syrien in die Türkei war der leichteste Teil meiner Flucht. Die anschließende Überfahrt aus der Türkei nach Griechenland mit einem Schlauchboot entwickelte sich zur reinsten Katastrophe. Mit 50- anstelle der regulär zugelassenen max. Passagierzahl von 25 Personen an Bord stockte uns allen der Atem, als der Motor des Bootes mitten auf dem Meer ausging. Inzwischen glaube ich, dass der Motor bei der Personenanzahl zu heiß gelaufen war- allerdings hat man in diesem Moment andere Sorgen und sogar Todesangst. Nach zwei niemals enden wollenden Stunden fing der Motor wieder an zu laufen und die Fahrt konnte fortgesetzt werden.”

Hätte Euch jemand gerettet, wenn der Motor nicht mehr angesprungen wäre?

Mohamad: “Nein. Wer?
Die Schlepper verlassen die Boote vorher rechtzeitig. Hinzu kommt, dass viele Länder zu der Zeit mit den Flüchtlingen überfordert waren und nicht wussten, wie sie mit uns umgehen sollen- da wäre keiner gekommen, um uns zu helfen.”

Aber Du hast Dich von diesen Ereignissen nicht unterkriegen lassen und hast den Weg nach Deutschland wieder aufgenommen?

Mohamad: “Ja, natürlich. Jetzt waren wir schon so weit gekommen. In Syrien hat man eine hohe Meinung von Deutschland. Wir verbinden das Land mit guter, wirtschaftlicher Struktur und fortgeschrittener Technik. Dass ich möglicherweise ein besseres Leben in Deutschland aufbauen kann, hat mich weiterhin motiviert.”

Wie ging es für Dich weiter?

Mohamad: “Weiter ging es mit dem Zug von Griechenland nach Makedonien- dort verbrachten wir einige Nächte mit vielen anderen Flüchtlingen an der Grenze. Es dauerte eine Woche, bis wir durch Makedonien nach Serbien kamen. Von Serbien führte uns unser Weg nach Ungarn. In Budapest (Hauptstadt von Ungarn) haben wir uns dann dazu entschieden, ein Taxi nach Frankfurt zu nehmen. Ab da begann meine Zeit in Deutschland.”

Ein Taxi von Budapest nach Frankfurt- darf ich fragen, wie viel so etwas kostet?

Mohamad: “Klar. 1000 Euro hat es uns gekostet- die furchtbare Überfahrt von der Türkei nach Griechenland kostete übrigens 1200 Euro pro Person.”

Inzwischen wohnst Du in Hagen, sprichst sehr gut deutsch, hast eine eigene Wohnung, Dein Bruder wohnt auch hier und du hast sogar inzwischen eine Ausbildung absolviert. Das sieht auf den ersten Blick erst einmal sehr gut aus- oder?

Mohamad: “Ja, das tut es. Allerdings war der Weg dahin voller Steine und oftmals bin ich an den bürokratischen Hürden in Deutschland gescheitert. 2015 bin ich mit dem Wunsch nach Deutschland gekommen, mein Maschinenbaustudium an einer Universität fortzuführen. Inzwischen kann ich darüber lachen- wir hatten alle falsche Erwartungen vom deutschen System und vor allem von der deutschen Sprache. Die habe ich mir in meiner anfänglichen Zeit im Camp mithilfe von Apps und Youtube beigebracht. Mittlerweile mag ich die Sprache und auch das Land. Der Umgang unter den Menschen ist oft sehr respektvoll und die vielen Regeln sorgen dafür, dass alles korrekt abläuft!

Dank der guten Betreuung und Beratung gelang ich 2016 schnell an eine Ausbildung zum Maschinen- und Anlagenführer. Mit meinen anfangs noch schwachen Deutschkenntnissen lag eine zweijährige Ausbildung nahe. Diese habe ich Ende des letzten Jahres absolviert.”

Und vor allem sehr erfolgreich! Wie geht es nun für Dich weiter? Möchtest Du Deinem Wunsch nachgehen und Maschinenbau studieren?

Mohamad: “Nein. Seit Februar besuche ich die Meisterschule bei der SIHK. Vorher kannte ich den Begriff “Industrie-Meister” nicht. Inzwischen kann ich mir aber vorstellen, eine Abteilung in einem Unternehmen zu leiten- irgendwann aber erst. Zuerst muss ich auch diesen Kurs erfolgreich bestehen.”

Hast Du Dir schon Gedanken gemacht, wie Du dich dann bei Deiner eigenen Abteilung vorstellen wirst?

“Gestatten, ich bin Mohamad- Ihr neuer Meister!

…da muss ich mich erst einmal dran gewöhnen. Die Deutschen vermutlich auch :-).”

Vielen Dank, das Du uns so viele Fragen beantwortet hast! Gibt es etwas, was Du allen anderen Geflüchteten / oder auch “Nicht-Geflüchteten” mitgeben möchtest? Hast Du Tipps?

Mohamad: “Das habe ich sehr gerne gemacht. Aus meiner Erfahrung heraus weiß ich selbst, dass der Weg sehr schwer ist, wenn man versucht, etwas zu erreichen. Aber was wichtig ist, ist die Tatsache, dass man dran bleibt und Geduld hat- und man muss immer an sich glauben. Auch wenn es beim ersten Mal nicht klappt, dann das zweite mal versuchen und wenn das zweite Mal nicht klappt, wird es beim dritten Mal funktionieren… und ganz wichtig: Es ist nie zu spät, anzufangen!”

Katharina Bodenstein