“WALLAH, ISCH HABE ABITUR!”

…ODER Fachkräftemangel vs. Flüchtlingsstrom

(voller Ironie und mit Begeisterung gegenüber meiner Tätigkeit als Beraterin in der Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten; aus Gründen der Lesbarkeit wurde im Text die männliche Form gewählt, nichtsdestotrotz beziehen sich meine Angaben auf alle Geschlechter m/w/d)

Meiner Meinung nach war “Deutschland” im Jahr 2015 naiv genug, die gestern erst in unser Land eingewanderten Geflüchteten (aus Syrien, dem Irak, dem Iran, Afrika, Afghanistan…) mit einem nahezu unzähmbaren und unaufhaltbaren Idealismus -und ohne Zögern- auf direktem Wege am Arbeitsmarkt zu integrieren.

UND ICH GEHÖRTE DAZU!

Anfang 2016. Als Unternehmensberaterin und Bewerbungscoach bei der IHK erhielt ich folgenden Schwerpunkt: Die Integration von Geflüchteten- dem Fachkräftemangel entgegenwirken. “So schwer kann das gar nicht sein”, oder “Die sind doch alle hoch motiviert- das wird kein Problem”- das waren anfängliche Gedanken, die durch positive Medienberichte untermauert wurden. Qualifizierte Menschen sollen unsere unbesetzten Stellen einnehmen und unserem demografischen Wandel entgegenwirken sowie den Fachkräftemangel eindämmen- so weit so gut.

Nun waren viele freundliche und dankbare Menschen aus verschiedenen Ländern mit unterschiedlichsten Lebensumständen zu uns gekommen und brachten Motivation mit- doch die deutsche Sprache nicht! Auch das sollte im ersten Anlauf kein Problem darstellen- schließlich gibt es auch viele Berufe, in denen man “nicht viel Deutsch” sprechen muss (?)- aber dazu komme ich später. Was allerdings umso stärker vorhanden war, war BÜROKRATIE (gehörte zu den ersten deutschen Wörtern, welche die Geflüchteten kannten) sowie DEUTSCHE GEPFLOGENHEITEN und PÜNKTLICHKEIT. Das, was viele nicht wussten: Pünktlichkeit ist “total Deutsch” und überhaupt nicht “arabisch” oder “afrikanisch”. Habe ich mich mit einem Araber oder Afrikaner zu einer Beratung getroffen, stellte ich schnell fest, dass nicht nur die vereinbarte Uhrzeit als “pünktlich” galt, sondern auch die Stunde danach- oder der Tag. Bei dem Wort “Bürokratie” bin ich mir fast sicher, dass es keine direkte Übersetzung in eine Landessprache der Geflüchteten gibt. Warum? Weil auch Bürokratie Deutschland sehr einzigartig macht!

Und da fing es schon an. Diese motivierten, jungen Menschen mussten sich nicht nur an das neue Land mit all den neuen Umständen gewöhnen, sie lernten in individuell angepassten Deutschkursen eine neue Sprache, reihten sich in Warteschlangen vor Behörden ein und nahmen es nach und nach in Kauf, dass die mitgebrachten Schulabschlüsse, absolvierten Ausbildungen und Studiengänge aus den Herkunftsländern- wenn überhaupt- nur teilweise anerkannt wurden.

“Wallah, isch habe Abitur!”

Der Satz, den ich am häufigsten hörte, als ich fragte, ob auch eine Ausbildung anstelle eines Studiums infrage käme. Ich überzeugte, vermittelte, überredete, motivierte, denn für viele glich es einer Niederlage, sobald das im Herkunftsland hart erarbeitete Abitur in Deutschland keine Gleichwertig fand.
Lange Bildungsketten wurden nach und nach in Erwägung gezogen, sodass ein ehemaliger Jurist aus Syrien sich mit dem Gedanken anfreundete, eine Ausbildung zum Bankkaufmann zu absolvieren- aber auch nur dann, wenn das Sprachniveau es hergab.
Was man in der Welt der komplexen Bürokratie manchmal vergaß: die meisten Geflüchteten flohen aus schlimmen Kriegssituationen und steckten gedanklich noch auf der Flucht.

Diejenigen, die diese Hürden übersprangen und die traumatischen Erlebnisse im Kopf beiseite schoben, hatten eine realistische Chance, am deutschen Arbeitsmarkt zu bestehen und schauten einer guten Perspektive in Deutschland entgegen. Was war mit den anderen? Dank vieler Integrationsangebote gelang der Einstieg ins Berufsleben leichter- doch Ausdauer, Fleiß und Flexibilität wurden vorausgesetzt!

Kennen Sie Berufe, in denen man “nicht viel Deutsch” sprechen muss? Ich inzwischen nicht mehr. Denn auch jeder Mitarbeiter in der Produktion ohne Kundenkontakt muss eine deutsche Sicherheitsunterweisung verstehen. Unternehmen, die Anfang 2016 ihrer sozialen und gesellschaftlichen Pflicht fleißig nachkamen und Geflüchteten die Chance auf ein Praktikum- oder eine Ausbildung gaben, stellten oftmals fest, dass ein Kulturschock den nächsten jagte und auftretende Probleme im Anschluss nicht besprochen werden konnten. Warum nicht? Arbeitgeber und Arbeitnehmer sprachen nicht die gleiche Sprache.

Somit kam es dazu, dass nicht alle Beschäftigungsverhältnisse hielten und die grundständige Unternehmensberatung automatisch von zentraler Bedeutung war. Mit der Zeit erhielt ich spannende Einblicke in die verschiedensten Unternehmen unserer Region und gleichzeitig machte ich mir ein umfassendes Bild der einzelnen Kulturen unserer potenziellen Arbeitnehmer. Schnell war klar: Das Zusammenspiel beider Parteien kann nur gelingen, wenn beide Seiten vorbereitet sind. So konnte ein ergänzender Deutschkurs für den Arbeitnehmer- oder ein Regelwerk für das Unternehmen wahre Wunder bewirken. Und siehe da: erste Erfolgserlebnisse in Form von Best-Practice-Beispielen folgten!

Heute

berate ich als Coach Unternehmen (u.a.) in Hinblick auf Flüchtlingsbeschäftigung oder halte Vorträge vor Führungskräften, die mit Geflüchteten zusammenarbeiten. Damit erwecke ich auf beiden Seiten Verständnis und entwickle Lösungsstrategien und Leitfäden. Viele Arbeitgeber haben verstanden, dass uns der demografische Wandel und der damit verbundene Fachkräftemangel einholt und wir somit auf jeden Mitarbeiter angewiesen sind- vorausgesetzt er will.
Das ist übrigens ohnehin mein Motto: ich helfe denjenigen, die es tatsächlich möchten. (bei allen anderen beißt man sich schnell die Zähne aus)

Auf dem Foto

sieht man eine Gruppe der jungen Geflüchteten, die “wirklich wollten”. Das haben sie innerhalb eines Projektes in der Metallwerkstatt bewiesen- die Belohnung? Berufsorientierung, ein Praktikumsplatz oder eine Ausbildung!

Ihre Katharina Bodenstein